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Zurück 19.06.2018

Lernen, wo es Sinn und Freude macht

Lebenslanges Lernen ist heute angesagter denn je. Was passiert dabei im Gehirn, wie funktioniert es mit zunehmendem Alter und wie lernt es sich am besten? Darüber – und über vieles mehr – sprach der Neurologieprofessor Jürg Kesselring im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Change als Chance» der Zuger Wirtschaftskammer.

Das Auditorium im Zugorama war bis auf den letzten Platz besetzt, als Dirk Hoffmann, CEO der V-ZUG AG, am 11. Juni 2018 die zweite Change-als-Chance-Veranstaltung der Zuger Wirtschaftskammer eröffnete. Der Gastgeber, selber Vorstandsmitglied der Zuger Wirtschaftskammer, nahm Stellung zum Thema Veränderung in der Arbeitswelt, bevor der bekannte Neurologieprofessor Jürg Kesselring das Publikum mit seinen Theorien fesselte. Lebenslanges Lernen war das Thema. Lernen im/trotz/vom/fürs Alter: dazu hatte der Referent, der während seiner Berufstätigkeit 60'000 Neurologiepatienten betreut und begleitet hat, viel Wissenswertes zu sagen.

Teilnehmer

Um es gleich vorwegzunehmen: Laut Kesselring ist der Mensch bis ins hohe Alter fähig, zu lernen. Und er sollte dies auch tun, ist er doch mit einem Gehirn ausgestattet, das sich nicht immer schnell, aber stetig neuen Gegebenheiten anzupassen vermag. 100 Milliarden Nervenzellen, jede davon mit 1000 bis 10'000 Synapsen, also Verbindungen ausgestattet, bilden die Grundlage für diese sogenannte neuronale Plastizität. Darüber, dass ab und an das menschliche Hirn mit einem Computer verglichen wird, hat der Professor eine klare Meinung: «Im Vergleich zu einem Gehirn mit seinen Geschichten und Beziehungen ist ein Computer geradezu rührend einfach.»

Lernen, aber wie?

Lernen heisst für manche freudiges Ergründen und Erfahren, für andere ist es ein frustrierender Knorz. Für Jürg Kesselring ist die Grundlage erfolgreichen und lustvollen Lernens die Frage: Was interessiert mich, wo bin ich gut, was ist möglich? Sich an Grössen zu orientieren, sei nicht falsch, wichtig aber sei, die eigenen Grenzen zu kennen und zu akzeptieren. Positiv zu sein. Der Referent nannte ein anschauliches Beispiel: So könne ein durchschnittlicher Tennisspieler durchaus Roger Federer als Vorbild sehen, doch wäre es falsch, wenn er in Kenntnis seines geringeren Talents das Racket an den Nagel hängen würde. «Heute besser sein, als ich gestern war, aber sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen» sei eine empfehlenswerte Haltung.

Prof. Dr. med. Jürg Kesselring

Erfolgreiches Lernen erfordert ein positives, wohlwollendes Umfeld. Kesselring erinnerte an seine eigene Schulzeit – an Lehrpersonen, die in vorbildlicher Weise ihre Schüler ermutigten, anstatt sie herunterzumachen. Sie lobten, wo sie stark und bauten auf, wo sie schwach waren. Und er zitierte seine Mutter, die sich zwar über ihren fleissigen Buben freute, aber gleichzeitig Wert darauf legte, dass er nicht mehr und länger lernte, als es ihm Freude bereitete. Später, während der Fragerunde, sollte er nochmals auf das Thema Schule zurückkommen: Er hob den Warnfinger, insbesondere was die oftmals mangelhafte körperliche Betätigung der Kinder anbetraf. «Es ist wichtig, während des Lernprozesses auch den Körper einzusetzen.» Auch auf dem Schulweg gebe es vieles zu lernen – was den Kindern seitens der Eltern oft aus ungerechtfertigter Sorge vorenthalten werde, indem man sie im Auto zur Schule fährt.

Sich Pausen gönnen

So wie das Gehirn als plastisches System dafür eingerichtet ist, zu lernen, hat die Natur auch vorgesehen, dass der Mensch Entspannung braucht. Für den passionierten Cellisten Kesselring ist Musizieren ein besonders gutes Beispiel dafür. Er gestand ein, dass es nicht einfach sei, sein Gleichgewicht zu finden, stellte gleichzeitig klar: «Reines Konsumieren schadet, aktive Entspannung hingegen tut gut». Kesselring empfahl, sich seine Zeit gut einzuteilen, um unnötigen Stress zu vermeiden. Unterscheiden, was wichtig oder dringend ist und was nicht und sich entsprechend verhalten – dies sei kein Problem für jene, die dazu eine wesentliche Eigenschaft unseres Gehirns nutzen: nämlich die, dass es antizipieren kann.

Der Weg zum Flow

Wie nun findet man heraus, wovon man wann wieviel lernen soll, kann oder muss? Der erfahrene Neurologe hob mehrmals hervor, dass es entscheidend sei, herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen. Sein eigenes Empfinden solle man vorzugsweise mit guten Freunden, allenfalls auch mit Lehrpersonen, diskutieren. Und dann die eigenen Fähigkeiten so weit verbessern, dass man aus der Komfortzone heraus komme hinein in einen Zustand, den er als Flow bezeichnete – den Bereich zwischen Komfortzone, sprich Langeweile und Überforderung, die mit Angst einhergeht. Kesselring nannte folgende Punkte, wie sich dieser Flow-Zustand erreichen lässt, in dem das Handeln mühelos, das Fühlen, Wollen und Denken in Übereinstimmung sind und man fühlt, dass man in der Tätigkeit aufgeht: Zunächst gelte es, die gesetzte Aufgabe als Spiel zu gestalten, dafür Regeln und Ziele zu definieren wie auch die Herausforderungen, die zu deren Erreichen zu überwinden sind. Ausserdem sei es wichtig, den Fokus zu bewahren, dem nun einsetzenden Prozess zu vertrauen und Veränderungen zuzulassen. Und schliesslich sei es ganz wichtig, dabei Freude zu empfinden.

«Use it or lose it»

Lernen hat also kein Alter. Und so entspricht der heute viel genannte Anspruch des Lebenslangen Lernens absolut dem, was die Natur für den Menschen vorgesehen hat. «Use it or lose it – nutze dein Gehirn oder du wirst es verlieren» – Jürg Kesselring appellierte, sich dessen bewusst zu sein und betonte: «Die Gesellschaft hat viel gewonnen, wenn klar ist, dass ein jeder sich verändern kann.»

Entsprechend animiert gestaltete sich die Fragerunde, und die Zeit reichte auch beim Apéro bei weitem nicht aus, um alle Aspekte zu diskutieren, die Jürg Kesselring während seines spannenden Referats beleuchtet hatte.

Therese Marty
Freie Journalistin und Kommunikationsberaterin

Buchtipp:
Gerd Kempermann: Die Revolution im Kopf

Der Autor:
Jürg Kesselring ist seit 1988 Chefarzt für Neurologie und Rehabilitation am Rehabilitationszentrum Valens und seit 1996 Titularprofessor für klinische Neurologie und Neurorehabilitation an der Universität Bern. Er ist Präsident der Schweizerischen Multiple Sklerose-Gesellschaft sowie der St. Galler Kulturstiftung und gehört mehreren nationalen Gremien sowie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz an. Kesselring ist leidenschaftlicher Cellist und hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht.

Eindrücke zum Anlass vom 11. Juni 2018.

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